Eingeimpfte Unzufriedenheit

Kürzlich las ich einen genialen Text der mich ziemlich umgehauen hat. Nun beklatsche ich diesen aus vielerlei Gründen. Was Theresa Lachner nämlich hier in ihrem Artikel

Du hast aber doch so ein hübsches Gesicht

auf lvstprinzip.de schreibt, spricht mir aus der Seele – erdreiste ich mich doch, ebenfalls aus dem Size-Zero-Raster zu fallen, und das auch noch ohne eingezogenes Genick. So nach und nach kamen beim Lesen alte, verschüttete Beleidigungen wieder in mir hoch. Ja, es kam mir regelrecht hoch. So, als müsste ich mich übergeben. Lange verdrängt, irgendwann vergessen und nun wieder an die Oberfläche blubbernd. Bezeichnend, wie dumme Sprüche eine Frauenseele nachhaltig verletzen können. Haben wir doch über die Jahre gelernt, mit uns selbst unzufrieden zu sein. Die Gehirnwäsche wirkt, verdammt – und WIE sie wirkt.

Zitat Theresa Lachner:
„Ihr, das sind leider nicht nur ältere, frustrierte Frauen, die ihre Körperscham auf mich übertragen und sich irgendwie davon provoziert fühlen, weil ich mich einfach weigere, mich wegen ihrer von wem auch immer vorgegebenen Standards genauso beschissen zu fühlen wie sie.“

„Du und ich, wir haben eben keinen schönen Busen!“ „Bitte sprich nur für dich selbst!“
„Oh, hast du zugelegt? Du siehst so aus, als hättest du zugenommen.“ „Steinigt mich! Nehmt einen großen Stein, einen flachen, und eine Packung Kiesel!!“

„Du solltest aufpassen, bei mir fing es auch nach der Geburt der Kinder an.“ „Was fing an? Auf was genau soll ich aufpassen? Soll ich eine Hungerkur machen damit DU dich besser fühlst?“
„Du solltest dir sehr früh am Abend die Zähne putzen, dann isst du auch nichts mehr!“
Wie entwürdigend. Wie übergriffig. Wie verletzend. Kann es denn wirklich sein, dass mir solche Sprüche den Abend verdarben und komplett die Petersilie verhagelten? Ja es kann. Aus vielerlei Gründen. Nun, der letzte Spruch mit dem Zähneputzen, der wurde mir kurz nach nach der Entbindung meines Kindes an den Kopf geknallt. Ich hatte mir erlaubt, 3 Wochen nach dem Kaiserschnitt nicht mit Wespentaille durch die Gegend zu laufen. Hm, steht auf sowas nicht Gefängnis? Hallo Modelmaße-Polizei, kommen Sie bitte und verhaften mich?! Perverse Welt. Ekelhaft geradezu. Ich glaube, nach dem letzten Spruch habe ich aus Frust und Enttäuschung sogar geheult. Ganz genau weiß ich es nicht mehr, die Hormone lassen vergessen… oftmals hielt ich einfach den Mund. Man meinte es doch immer nur gut mit mir.

Anmerkung: all diese Sprüche kamen von Frauen.

Zitat Theresa Lachner:
„Ich weiß bei solchen Aussagen meistens noch nicht mal genau, was ich antworten soll. Außer: mir war eigentlich nicht klar, dass ich meinen Körper überhaupt zur Debatte gestellt hatte. Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass es meiner ist. Dass es mein persönliches Grundrecht ist, ihn so zu bewohnen, wie ich es für richtig halte. Wie naiv von mir.“

Da ist diese Frau in der Umkleide mit der ich nur selten rede, aber wenn – dann liefert sie immer den gleichen Monolog, bei dem ich lediglich Statist bin und meine Einwände und Antworten sinnlos und ungehört verpuffen. Sie referiert über ihre Figur, ihre Kleidergröße und Kilogrammanzahl auf der Waage. Wie wichtig es sei noch vor dem Urlaub abzunehmen. (Wegen der Bikinifigur? Ich weiß es nicht, ich kam nicht zu Wort sonst hätte ich nachgefragt). Wie wichtig es sei, noch vor Weihnachten abzunehmen, damit man „in Ruhe essen“ kann. Irgendwas von Body-Mass-Index und final, da sie Hosengröße 38 hat ist sie total zufrieden und muss sich keine Gedanken machen. REALLY?? Ich bleibe kraftlos zurück und mache den blöden Fehler, auf die mich provokant anstarrende Waage in der Sammelumkleide zu steigen. Hatte ich schon die Gehirnwäsche erwähnt?? It fucking works.
Ich habe meine Waage Zuhause vor Jahren weggeworfen weil sie mich auf irgend eine Art und Weise beherrscht hat. Ich vermisse sie nur dann wenn ich verreisen will und meinen Koffer wiegen muss. Es ist keine verdammte Koketterie, wenn mich in seltenen Fällen jemand fragt ob ich abgenommen habe und ich wahrheitsgemäß antworte, dass ich das nicht weiß weil ich mich nie wiege. (Den letzten Ausrutscher auf der Waage im Sportclub ausgenommen!)  Ich habe lediglich nach Jahrzehnten eine Sportart – oder fancy ausgedrückt- ein Workout gefunden dass -für mich- funktioniert und obendrein noch Spaß macht. Es dürften ca. 3 Kilo weniger sein in diesem Jahr – so, nun ist es raus!!!

Zitat Theresa Lachner:
„Der Körper als Konjunktiv.
Und trotzdem macht ihr mich wütend. Weil ihr meinen Körper, der alles für mich tut, als einen Konjunktiv seht. Wo grundsätzlich ja noch nicht alles verloren ist. Da könnte man ja auch echt noch viel machen. Also, so mit ein bisschen Sport…“

Liebe Welt, ich bin zufrieden mit mir selbst, ja, ich finde mich zuweilen sogar schön und das ganz ohne Urteil von außen. Klar habe ich mal graue und mal blaue Tage, aber:  ich habe aufgehört mich selbst kleinzumachen. In welcher Kleidergröße ich jetzt und in Zukunft durchs Leben gehe,  das sei ganz mir überlassen. Wie ich mich wohlfühle, das weiß nur ich. Man braucht und DARF es nicht zum Thema machen, es sei denn ich bitte ausdrücklich darum.

Theresa Lachner:
„Ich, das ist die, die weiß, dass es an sich schon ein Akt des aktiven Widerstands ist, sich trotz Kleidergröße 40/42 in dieser Welt nicht grundsätzlich beschissen zu fühlen. Die für genug Frauenzeitschriften und Werbekunden gearbeitet hat um zu wissen, dass gefühlte Defizite sich nun mal am besten verkaufen.“

Danke Frau Lachner für Ihre großartigen Worte, die auch in mir eine Lawine ins Rollen brachte und damit Wörter auf das virtuelle Papier, die schon lange in mir brodelten aber aus fehlendem Mut nicht veröffentlicht werden wollten. Dass dieser Text bereits 4 Wochen in der Warteschleife hing sagt doch eigentlich schon alles. Ich hoffe, ich konnte einige Leute zum Umdenken anregen. Und manche dazu, einfach ihre unzufriedene Klappe zu halten und ihren Selbsthass nicht auf mich zu richten. Danke für die Aufmerksamkeit 😉

4 Gedanken zu „Eingeimpfte Unzufriedenheit

  1. Theresa’s Blog ist sowieso absolut großartig und der verlinkte Artikel der Knaller schlechthin.

    Ich bin froh, dass es sie in unserer Blogosphäre gibt.

    Liebe kollegiale Grüße

    Henning

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