Pseudoliberalität.

Jeder wie er mag. Jeder nach seiner Fasson. Das soll jeder halten wie er will. Jedem das Seine.

Örk. Wer kennt sie nicht, diese pseudo-liberalen Sprüche. Vor allem mit Letzterem habe ich so meine minikleinen Probleme. Alles was einst zynisch in dicken Eisenlettern über einem KZ prangte finde ich persönlich in Redewendungen nicht sehr angebracht. Man stelle sich nur vor, man trottet Montagmorgens unmotiviert zur Arbeit und wird prompt von Kollegen getröstet: ach komm schon, Arbeit macht frei! Nee, oder?! Darum schüttelt es mich jedesmal wenn in Gesprächen und Diskussionen egal welcher Art, keine Haltung eingenommen und gezeigt wird, sondern oftmals der Abschlusssatz die sinnlose Phrasendrescherei krönt: ach – jedem das Seine! Igitt. Warum reden wir dann überhaupt?

Hm. Wie soll man denn da Position beziehen. Ist das momentan nicht „in?“ Ich fühle mich außer Stande einen guten Appetit zu wünschen wenn mein Gegenüber in sein Kalbsleberwurstbrot beißt. Wie könnte ich da sagen, ach, jeder wie er will? Hau rein! Bei dem Verzehr des Entgiftungsorgans eines Tierkindes das noch nicht einmal 1% seiner Lebenserwartung erreicht hat! Da möchte ich doch noch nicht einmal von einem freien Willen sprechen, da kommt so oft eine Trotzhaltung durch: euch Veggies zeig ich´s! Das kam tatsächlich schon vor: „Steffi nach unserem Gespräch letztens bin ich in die Metzgerei gegangen und habe mir aus Trotz Steaks gekauft!“ Aha Mr. Schlaubi-Schlumpf… das wäre ja so als ob man nach einem Gespräch über das Hass-Wort „Nachhaltigkeit“ zu Primark ginge und sich aus Rache 20 T-Shirts kaufte. Leerlauf im Hirn. (Du und ich, wir reden ab jetzt nur noch das Nötigste – und zwar ausschließlich geschäftlich. So geht es MIR besser.)

Leben und leben lassen. Das gilt anscheinend nicht für die Tiere.

Da vergreift sich ein Päderast an einem Kind. Sollte man da auch liberal sein, ach jeder wie er mag. Der ist so veranlagt, er braucht das halt. Dann sucht sich dieses Kind eben nicht erst im späteren Erwachsenenalter selbst seine Sexpartner aus. Das kann ich unmöglich ernst meinen? Stimmt. Ich greife gern zu krassen Beispielen wenn es darum geht Lethargie abzuschütteln und die eigene Komfortzone zu verlassen. Utopisch ist die Vorstellung, von allen Menschen gemocht und geschätzt zu werden. Das funktioniert nicht, dafür sind wir alle zu unterschiedlich. Es allen recht machen zu wollen stresst nur und führt zu immensem Druck. Es ist schlicht ein Ding der Unmöglichkeit. Ich habe diese Strategie bereits versucht – weichgekocht durch Mutterschaft – sie führte zu nichts. Ich hielt mich raus und meine Klappe. Nahm mich zurück. Trotzdem gab´s Konflikte, Streit, Lästereien. Ich lernte auf die harte Tour: irgendjemand hat immer etwas zu beanstanden.  Ich fühlte mich ungerecht behandelt, litt, heulte. Aß in der Vergangenheit sogar Schweinefleisch, obwohl es mich anekelte, tränkte den Braten in Ketchup um den Geschmack zu übertünchen. Das alles nur weil ich die Gastgeberin nicht kränken oder verärgern wollte. Traf mich mit Bekannten zum Kaffee, die in Endlosschleife über sich selbst schwadronierten und mir im Endeffekt nur meine Freizeit raubten (Stichwort: Energievampire). Irgendwann kehrte ich sukzessive zu alter Form zurück, wurde wieder streitbarer und legte meine gewachsenen Ängste was die lieben Mitmenschen betrifft ab:

„Was andere Menschen von dir denken ist nicht dein Problem.“ Paulo Coelho

Sagte einfach: nein, ich habe keine Lust ins Café zu gehen. Ich esse kein Fleisch mehr, ich mag es einfach nicht. Punkt.

Die Angst anzuecken, verurteilt und bewertet zu werden, sich gar Feinde zu schaffen führt zur Pseudoliberalität. Mitläufer, Ja-Sager, Abnicker werden aber nur selten bis gar nicht respektiert und ernst genommen. Remember that! Keine Angst vorm Nein-Sagen, es tut nicht weh! Die Menschen die es wert sind, die dich mögen und schätzen, und sich die Mühe gemacht haben dich RICHTIG kennenzulernen schießen dich wegen deiner Eigenarten nicht in den Wind. Sie werden deine Meinung akzeptieren und du ihre. Auch reden sie MIT dir und nicht über dich. Und wenn sie über dich reden, dann nur Gutes. Die Kritik werden sie dir konstruktiv und direkt persönlich mitteilen – face to face –  und das ganz ohne scheiß Pseudoliberalität.

 

 

 

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