Der Knacks.

Wann kam der Knacks? Wann kam der Bruch? An welcher Stelle ist etwas in uns zerbrochen und wieso?

Manchmal bekommen wir keine Antworten auf unsere Fragen. Wir bleiben damit allein. So einfach ist das.

Ich hätte diesen Text auch unter der Überschrift „Der Bruch“ verfassen können. Aber hier möchte ich dem großen Roger Willemsen Tribut zollen, dessen Buch „Der Knacks“ mich lange nicht losgelassen und gleichzeitig inspiriert hat. Viele Gedankensprünge, lose Fragmente, Puzzleteile.. und dann wieder im Kopf ganz klar. Ich – nicht Roger.

Bei so manchem Knacks können wir nicht mehr zurück. Die Sollbruchstelle zu groß, der Graben unüberwindbar. Manchmal sind es banale Dinge, lose daher gesagt, unüberlegt, eher bedeutungslos im Kontext. Und doch schädigen sie uns in gewisser Art und Weise. Manchmal geht es um wichtige Dinge, um das Leben und den Tod, auch wenn sie uns nicht unmittelbar selbst betreffen könnte uns das Gleiche zustoßen. Jedermann.

Es war 2003. Auf der Autobahn Karlsruhe geschah ein furchtbarer Verkehrsunfall bei dem eine junge Mutter und ihr kleines Kind starben. Der Prozess um den „Autobahnraser“ schlug hohe Wellen und ging lange Zeit durch die Medien. Der Fahrer eines sogenannten Erlkönigs fuhr viel zu schnell, die junge Frau erschrak ob des heranrasenden Fahrzeugs und riss das Steuer herum um auszuweichen, dabei prallte sie gegen einen Baum. Sie und ihr Kind waren sofort tot. Die Diskussionen in dieser Zeit drehten sich viel um die Frage: wer hat Schuld? Der Raser oder die „unsichere“ Frau selbst? Beide? Niemand? Die Meinungen gingen weit auseinander.

Er war pensionierter Polizist, sympathisch fand ich ihn noch nie aber man akzeptierte sich. Von Respekt konnte keine Rede sein. Die Art zu reden: großspurig, herablassend, gönnerhaft. Sein Status verlieh ihm wohl eine gewisse Autorität die man nicht anzweifeln durfte. Und so verhielt er sich auch. Das Gesagte lässt sich in etwa so widergeben: er wisse ganz genau was sich da abgespielt habe! Die war halt einfach unsicher, keine Fahrpraxis und ein Kleinkind an Bord was sie wohl ängstlich gemacht habe. 150 km/h auf der linken Spur sei wohl eher Kriechtempo, sie sei selbst schuld. Habe das Steuer verrissen als der Mercedes Fahrer sich von hinten näherte, ihn träfe da keine Schuld an dem Tod zweier Menschen und dieser Prozess sei ein Unding. Und so weiter und so fort .

Mir wurde übel. Ich sagte in der Runde dass er überhaupt gar nichts wisse, da er nicht dabei war. Und die einzigen die alles ganz genau wissen sind leider tot. Ich verließ die Szenerie. Beschränkte mich ab da auf Hallo und Tschüß. Es ekelte mich vor diesem Mann.

Der Knacks war da.

Warum mich dieser Vorfall bis heute beschäftigt erschließt sich mir nicht wirklich. Ich denke nicht ständig daran, es fällt mir nur ab und zu wieder ein und ich grüble darüber nach. Ich wohne in der Nähe dieser Autobahn und die Strecke ist mir wohl bekannt. Den Podcast zu dem oben beschriebenen Unfall namens „Der Tod im Rückspiegel“ von der „Zeit“ habe ich unzählige Male gehört. Jedes einzelne Mal musste ich weinen. Möglicherweise ist es eine Ur-Angst die in jedem von uns steckt. Man könnte jeden Tag bei einem Verkehrsunfall getötet werden und das Liebste mit einem. Vielleicht weil es die eigene Sterblichkeit in den Focus rückt, die man doch so gerne verdrängen möchte? Wir wollen alt werden, aber nicht alt sein.

Ich bekomme hier keine Antwort auf meine Frage nach dem Warum. Ich weiß nur, es hat einen Bruch gegeben.

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