Woman, interrupted

Ich wollte einsam und verzweifelt sein, speziell (= bekloppt) agieren – so wie Schriftsteller, die ich in Filmen gesehen hatte, betrunken und rauchend über ihrer Schreibmaschine sitzend. Tja, schreiben ist nichts Besonderes. Man setzt sich hin und blutet in die Tasten – sehr frei nach Hemingway zitiert. In Tränen aufgelöst. Manchmal den Verstand verlierend – wie Jack Nicholson in Shining zum Beispiel. Nur ohne den versuchten Axtmord. Ich sah mich nicht als Mörderin, aber Verzweiflung und Tränen produzieren – DAS konnte ich. Scheiße, und wie ich das konnte.

Benahmen wir uns nicht alle in irgendeiner Art und Weise klischeehaft wie bereits in unzähligen Serien und Filmen gesehen? Konnten wir nicht anders, als diese Bilder zu reproduzieren – in Ermangelung eigener Fantasie? Mangel war ohnehin mein ständiger Begleiter. Vor einigen Jahren erzählte mir eine Schulkameradin, wie sie ihre schwer erkrankte Mutter aus dem Koma erwecken wollte. „Ich habe es gemacht wie die im Fernsehen! Wie bei Grey´s Anatomy! Ich nahm die Stimme meiner kleinen Tochter auf Band auf und ließ sie schreien OMA WACH DOCH BITTE WIEDER AUF! Und das habe ich ihr auf der Intensivstation vorgespielt.“ Ihre Mutter erfreut sich heute bester Gesundheit.

Ich vergaß, dass meine Katharsis nicht aus Alkohol und Zigaretten bestand, sondern aus dem Schreiben. Vergaß es immer und immer wieder. Schob die Schuld allem Möglichen zu, nur nicht mir. Die anderen waren schuld, der stupide Bürojob, die fehlende Zeit. Dass ich Talent hatte wusste ich. Zum Glück hatte ich Menschen um mich, die mich stetig daran erinnerten. Eine Person sogar so sehr, dass ich am darauffolgenden Tag weinen musste. Ich heulte natürlich aus Frust über mich selbst, für die Standpauke war ich überaus dankbar. Nebenbei sei erwähnt, dass diese Person berufsbedingt Psychologie studiert. Verdammt, hatte sie mir in den Kopf gesehen??

Vermutete, der Wein fördere meine Kreativität, Alkoholismus gehöre zum Prozess des Schaffens eines Künstlers dazu. Erklärte meinem Mann, dass ich Autorin war, auch wenn ich kein Buch veröffentlicht hatte. Ich hatte irgendwo gelesen, dass Verkaufszahlen nicht wichtig waren, man fragte ja auch keinen Schreiner wie viele Särge er in seinem Leben schon verkauft hatte um dessen Karriere und Schaffen glaubwürdig zu untermauern. Spürte, dass das die Wahrheit war. Wir waren nicht verheiratet, aber manchmal war unsere Beziehung so nervig, dass sie sich anfühlte wie eine Ehe. Nur dass mir die fehlende Heirat mit der Zeit immer wichtiger wurde aus Gründen die sich mir selbst nicht erschlossen. Vermutlich, weil ich endlich kapiert hatte was Beziehungen auch negatives ausmachten. Was eine Ehe ausmachte. Vielleicht war ich wirklich endlich erwachsen geworden? Ich hatte zu lange gebraucht um zu begreifen, dass man in jeder Beziehung hinzunehmen hatte dass es Enttäuschungen, Lügen, Krisen, Schmerzen und Demütigungen gab. Dass so viele von uns den bitteren Teil von „in guten wie in schlechten Zeiten“ ausblendeten. Wir nehmen an, dass wir Glück verdienen, aber nicht das Unglück. Ich hatte den Faden einmal abreißen lassen, diesen Fehler wollte ich kein zweites Mal machen. Es fühlte sich so viel lebendiger und lustiger an zu erzählen, wie man sich filmreife Szenen wegen Kinkerlitzchen geliefert hatte, und am Tisch wurde gelacht und eine ähnliche Story erzählt. Da schau an, unter jedem Dach ein Ach. Den Schatzi-Perfect-Käffchen-Scheiß interessierte doch nun wirklich keine Sau.

Beleidigt drückte ich ihm den Verlobungsring in die Hand. Eine theatralische Geste die ausdrücken sollte, dass sich das Tragen desselbigen für mich mittlerweile falsch anfühlte. Und überhaupt, wo waren all die Exzentriker auf dieser Welt? Mit großen Erwartungen fuhr ich zur Buchmesse nach Frankfurt, hoffte auf Schriftsteller im Stile eines Maximilian Schell (Stichwort: weißer Schal). Keiner da. Alle herrlich normal, vielleicht wollte man nicht auffallen und so der Masse suggerieren: “Hey, ich bin einer von euch!” Aber ihr seid nicht wie wir. Ihr seid anders. Ihr veröffentlicht das, was ihr in die Schreibmaschine geblutet habt und bietet es uns zum Kauf an. Ihr seid mein fleischgewordener Traum, denn ich bin alt. Junge Menschen beten ausschließlich You-Tuber an, glaube ich zumindest. Was mir früher Unbehagen bereitete wünschte ich mir nun sehnlichst herbei, einen Klaus Kinski z.B. der schrie “Halt doch deine Fresse, du dumme Sau!” Natürlich nicht DEN Klaus in Persona, nur exzentrisch halt – aber talentiert und ohne den Mißbrauch, das versteht sich von selbst. Alles, nur kein Abziehbild von einem Abziehbild von einem Abziehbild.

Ich goss mir noch ein Glas ein, obwohl ich den Wein als Fusel einstufte, der obendrein auch noch beschissen schmeckte. Ja, Weinproben hier und da hatten keine Expertin aus mir gemacht. Außerdem musste man für einen guten Wein bereit sein mehr Geld auszugeben. Mein Konto war dazu nicht bereit, hier traf mich nun wirklich keine Schuld. Ein weiterer Frustpunkt auf meiner Lebenstabelle. Das Gehalt, der Kontostand, das fehlende Vermögen. Das sich-nicht-leisten-können was einem vermeintlich zustand.

Ich öffnete Instagram um mich abzulenken und einer Bekannten zu folgen, die ein zweites Profil erstellt hatte. Ein Autorenprofil. Ich wusste schon länger, dass sie Romane schrieb, veröffentlichte und recht fleißig war. Sie postete, sie fände keinen Verlag der ihre Bücher veröffentlichen wollte. Das tat mir leid und war zudem pures Gift für meine empfindliche von Selbstzweifeln geplagte Schreiberseele. Des Weiteren hatte ich per PN einen Mittelfinger kassiert, von einem Fremden den ich entfolgt hatte weil mir sein Profil nicht mehr gefiel und das mich langweilte. Ich blockierte den Idioten und verbrachte gedanklich zu viel Zeit damit, mich mit einem völlig Fremden zu beschäftigen der mich via Emoji Geste beleidigt hatte, weil er nun eine fremde Followerin in einer virtuellen App weniger hatte. Als im TV ein elektronisches Gerät beworben wurde, welches man fragen konnte wie das Wetter draußen gerade war, reichte es mir. Ich schrie den Fernseher an, dass man einfach nur das verfickte Fenster aufmachen und den Rüssel raushängen müsse!! Die ganze Welt war verrückt geworden.

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